Open Search Intelligence – Die Welt der digitalen Informationsgewinnung

„Das Internet vergisst nie etwas.“ Diese Aussage trifft laut unseren Experten Markus Straßburg und Martin Klöden von der Hochschule Mittweida im Jahr 2020 nach wie vor zu. Der Schutz der eigenen Identität ist daher auch nach wie vor höchst relevant. Mit Hilfe von Open Source Intelligence (OSINT) Werkzeugen lassen sich öffentlich zugängliche Informationen leichter auffinden. Welche Informationen öffentlich einsehbar sind, wie sich diese finden lassen und welche ethischen Risiken dabei beachtet werden müssen, erklären uns die Experten. OSINT-Werkzeuge werden in der Welt der Nachrichtendienste, der IT-Forensik und Online-Informations-Recherche des investigativen Journalismus eingesetzt.

Welche persönlichen Informationen können durch OSINT Recherchen eingesehen werden und wie können meine persönlichen Daten im Netz besser geschützt werden?

„Durch die zunehmende Digitalisierung ist es mitunter nicht selten, den gesamten Tagesablauf einer Person nachzuvollziehen. Hier spielen die Metadaten, welche wir in digitalen Systemen und weltweiten Netzen hinterlassen eine große Rolle. Aber auch Kerninformationen wie: Alter, Vor- und Nachname, Wohnort und Arbeitsstelle sind fast immer vollständig zu ermitteln.

Für den Schutz persönlicher Informationen im Internet ist jeder Nutzende selbst verantwortlich. Dafür ist auch kein großer Aufwand notwendig oder spezielle Software. Wichtig ist die Beantwortung folgender Frage: Möchte ich, dass diese Information über mich von jedem auf der Welt eingesehen werden kann?

Lautet die Antwort ‚Nein‘, so sollten die Nutzenden die Information nicht preisgeben. Wir haben gelernt, Personen, welche uns am Telefon nach persönlichen Informationen fragen und uns einen Gewinn versprechen, nicht alle Daten über uns preiszugeben.  Leider ist das Bewusstsein im digitalen Raum noch nicht so stark ausgeprägt, so dass es uns schwerfällt, das gelernte Wissen in die digitale Welt zu überführen. Bereits in der Schulzeit haben wir gelernt, dass das Internet nie etwas vergisst. Diese Aussage stimmt im Jahr 2020 nach wie vor.“ (Klöden/Straßburg)

Bei OSINT-Recherchen gehen unsere Experten folgendermaßen vor:

„Einer der ersten Schritte bei einer OSINT Recherche besteht darin, sich mit der Person und bekannten Informationen auseinanderzusetzen. Ort und Zeit spielen hierbei eine große Rolle: Wann war die Zielperson im Internet aktiv und in welchen Quellen könnte Sie Spuren hinterlassen haben? Bei weniger verbreiteten Nachnamen (wie z.B. Klöden) lohnt sich immer ein Blick in ein Nummernverzeichnis, z.B. einem Online-Telefonbuch, um die Verbreitung des Nachnamens in Deutschland oder auch weltweit festzustellen. Neben Telefonbüchern gibt es hierbei noch genealogische Dienste mit Namensdatenbanken, welche Auskunft geben können. Die Erkenntnisse aus diesem ersten Schritt können weitere Ansatzmöglichkeiten für die weitere Recherche geben.

Im Bereich OSINT wird davon ausgegangen, dass ca. 80% aller Erkenntnisse zu einem Sachverhalt aus offenen Quellen gewonnen werden können. Jedoch sollte dabei beachtet werden, dass sich diese Aussage nicht ausschließlich auf digitale Medien bezieht. Neben den digitalen Quellen zählt u.a. Human Intelligence in den Bereich OSINT. Hierbei werden Informationen aus menschlichen Quellen, z.B. V-Mann oder Agent, gesammelt.“ (Klöden/Straßburg)

Welche ethischen Risiken ergeben sich bei der Recherche privater Informationen?

Die Recherche nach öffentlich zugänglichen Informationen wirft auch Fragen bezüglich den ethischen Risiken auf, denn die OSINT-Werkzeuge können auch für unethische Zwecke verwendet werden. Martin Straßburg und Martin Klöden zufolge ist bei ethischen Fragestellungen von OSINT-Recherchen vor allem der Zweck der Recherche entscheidend:

„Wichtig für die Bewertung des ethischen Risikos sind nicht die OSINT-Werkzeuge, sondern wie diese verwendet werden und zu welchem Zweck die Recherche geschieht. OSINT-Daten können zur Aufklärung einer Straftat beitragen, können jedoch auch Cyberkriminellen wichtige Informationen zu den Systemen und Personen im Unternehmen oder der Behörde liefern. In der analogen Welt gibt es hierbei oftmals das Beispiel mit dem Hammer. Gewöhnlich vollbringt der Anwendende mit einem Hammer gute Dinge, indem etwas errichtet und aufgebaut wird. Auf der anderen Seite ist es aber auch möglich, dass ein Hammer zum Tatwerkzeug wird und anderen Personen Schaden zufügt oder sie gar tötet. Es stellt sich also immer die Frage, für welchen Zweck werden die Werkzeuge oder Informationen eingesetzt, wer führt die Recherche durch und welche moralischen und ethischen Grenzen besitzt der Anwendende.“ (Klöden/Straßburg)

Auch in Bezug auf den Journalismus ergeben sich ethische Risiken, da viele unvollständige Informationen oder Falschmeldungen im Internet kursieren. Insbesondere der Datenjournalismus sieht sich daher mit ethischen Herausforderungen, wie Unwahrheiten, Fehldarstellungen von Ergebnissen und der Präsentation unvollständiger Daten, konfrontiert. Laut den Autoren David Craig, Stan Ketterer und Mohammad Yousuf (2017) geben Datenjournalistinnen und -journalisten bei wichtigen Geschichten gewöhnlich die Methodik ihrer Analyse und die Probleme mit den Daten in einer sogenannten „Nerd-Box“ an. Da Datenjournalistinnen und -journalisten im Wesentlichen durch ihre Analysen Nachrichten kreieren, sollte dies laut den Autoren beim Umgang mit Datenproblemen befolgt werden. Andernfalls können die Informationen die Öffentlichkeit in die Irre führen. Auch verfälschte Bilder können die Sachverhalte verdrehen und die Öffentlichkeit täuschen, wie das Beispiel von Markus Straßburg und Martin Klöden verdeutlicht:

„Um Fake-News zu enttarnen können beispielsweise Bilder aus Postings zerschnitten werden. So ergeben sich oftmals ganz neue Zusammenhänge und Sachverhalte, wie im Fall der Chemnitzer Demonstrationen nach dem tödlichen Messerangriff auf einen Mann im Jahr 2018. Demonstranten aus dem rechten Spektrum trugen ein Banner mit der Überschrift ‚Wir sind BUNT bis das Blut spritzt‘ und verschiedene Bilder von Gewaltdelikten gegen Frauen. Sie wollten dabei auf Straftaten von Menschen, die aus dem Ausland stammen gegenüber deutschen Staatsangehörigen aufmerksam machen. Jedoch: Zerschneidet man das Bild und sucht die einzelnen Bilder der Frauen, gelangt man zu den eigentlichen Geschichten, welche weltweit verteilt sind und nicht in Deutschland stattgefunden haben, sowie keinerlei Bezug zur Flüchtlingskrise 2015 in Deutschland haben.“

Journalistinnen und Journalisten sollten laut unseren Experten deshalb immer beachten, dass es bei jeder OSINT-Recherche ein gewisses Grundrauschen gibt, welches die Interpretation der Ergebnisse verfälschen kann und eine weitere Recherche möglicherweise in die falsche Richtung betrieben wird. Alle Verpflichtungen sollten sich zudem aus den journalistischen Grundsätzen und der Ethik ergeben.

Wie lassen sich Falschmeldungen oder unvollständige Daten identifizieren?

„In dem die Informationen mittels verschiedener Suchmaschinen geprüft und Ergebnisse selbst reproduziert werden. Beispielsweise sollten Zitate in Anführungszeichen in einer Suchmaschine eigegeben werden, um die Verwendung und die Herkunft des Zitats zu recherchieren. Hierbei können besonders im politischen Spektrum unseriöse Blogs gefunden werden, welche Fake-News vertreiben. Recherchezentren wie correctiv.org oder mimikama.at können ebenso eine gute Anlaufstelle sein, um Fake-News zu entlarven. Diese Seiten geben unter anderem eine Übersicht zu aktuellen Kampagnen und verzeichnen historische Fake-News Einträge.“ (Klöden/Straßburg)

 

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Quelle:

Craig, David/Ketterer, Stan/Yousof, Mohammad (2017): To post or not to post: Online discussion of gun permit mapping and the development of ethical standards in data journalism. In: Journalism & Mass Communication Quarterly, 94. Jg., H. 1, S. 168-188.

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